Vor kurzem hörte ich einen Vortrag zu dem Verhältnis von Historischer Anthropologie und Kulturgeschichte, in dem u.a. versucht wurde, den Boom von populärer Geschichte (in Büchern, Filmen, Computerspielen, Stadtfesten, Reenactment, Reality Shows etc.), Aussagen von Naturwissenschaftlern, sie könnten jetzt Beweise für historische Fragen erbringen und damit Geschichte machen (z.B. das eine bestimmte Gruppe genetisch eng mit einer weit entfernten Gruppe verbunden ist, was auf Verwandtschaft bzw. Migrationsprozesse schließen lässt) und die Geschichtswissenschaft zusammenzubringen.

Es stellte sich schnell heraus, dass es offenbar ein recht ungenaues Bild gibt, was die Ziele der Geschichtswissenschaft eigentlich sind und womit sie sich beschäftigt.  So unterhaltsam das historische Infotainment sein kann und so persönlich anregend es sein kann, einmal zu „erfahren“, wie das Leben auf der Burg war; das ist nicht die Geschichte, mit der sich Historiker beschäftigen.

Und so interessant es sein kann, Verbindungen zwischen weit verstreuten Gruppen zu finden und damit „historische Fakten“ zu schaffen, ist das grade mal der Punkt, wo Historiker erst loslegen. Dass Genetiker die Verwandtschaft  beweisen können, sagt nichts darüber aus, warum die Gruppen getrennt wurden und was das bedeutet.

Diese Frage nach der Bedeutung von vergangenen Ereignissen ist aber eins der Hauptprobleme, mit denen sich Historiker beschäftigen. Als erster Schritt muss dazu erst einmal herausgefunden, was sich ereignet hat. Dies ist nicht nur aufgrund von fehlenden Quellen schwierig, sondern das Problem liegt auch daran, dass jede Zusammenstellung von „Fakten“ schon Interpretation ist. Der Historiker kann sich selbst aus dem Forschungsprozess nicht herausnehmen und als „unbeteiligter Beobachter“ (bin mir nicht sicher, ob andere Wissenschaften dies haben) „objektiv“ die Vergangenheit „wie sie war“ zusammenstellen. Er kann nur seinen eigenen Arbeits- und Denkprozess offenlegen und damit dem Leser seiner Arbeit diese nachvollziehbar machen.
Die Häufung der Anführungsstriche weist schon darauf hin, dass es auch nach diesem ersten Schritt der Erstellung des ereignisgeschichtlichen Gerüsts nicht einfach unreflektiert weitergehen kann. Die Frage, was Geschichte ist, beschäftigt nicht umsonst sowohl Geschichtsphilosophen (aus der Philosophie) als auch Geschichtstheoretiker (aus der Geschichtswissenschaft).

In weiteren Arbeitsschritten ist es nun Ziel des Historikers, sein Material mit Hilfe einer Fragestellung, die sich oft aus gegenwärtigen Fragen und Zusammenhängen generiert, zu analysieren und damit Aufschluss darüber zu bekommen, welche Bedeutung wir heute vergangenen Ereignissen zuschreiben.  Wir erhalten damit Aufschluss über subtile Vorgänge in unserer Gesellschaft (das kann eine nationale sein, die Weltgesellschaft oder kleinere Gruppen): welche Identität sie sich selbst zuschreibt (hierbei können Historiker meinungsbildend sein), welche Werte sie vertritt (sehr anschaulich in Frankreich mit einer starken Konzentration auf die Revolutionsgeschichtsschreibung) oder auch welche Rolle eine Gesellschaft im größeren Kontext einnehmen will.
Nicht jede geschichtswissenschaftliche Arbeit hat einen gegenwärtigen Bezug; oft ist es natürlich auch ein grundsätzliches Forscherinteresse, welches zur Auswahl von Themen führt und in gewisser Weise dann Grundlagenforschung produziert.

Wie in anderen Wissenschaften auch, gibt es in der Geschichtswissenschaft natürlich unterschiedliche Richtungen (z.B. Konzentration auf politische Geschichte, auf wirtschaftliche oder technische Entwicklungen, auf Ideen usw.) und Spezialisierungen, die soweit gehen, dass ein einzelner Forscher eben über seinen Bereich (meist nach Epochen getrennt) den ungefähren Überblick behalten kann, aber nur wenig zu anderen Epochen sagen kann. Als Frühneuzeitler habe ich z.B. nur punktuell Ahnung von der Geschichte des 20. Jahrhunderts und eigentlich keine von der Antike, geschweige denn von ägyptischer, babylonischer oder den Neandertalern (letztere zählen auch nicht zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft).
In meinem Kerngebiet (ca. 1500-1800) kann ich einigermaßen überblicken, was die Zunft bewegt und welche Fragestellungen sich entwickeln. In geringerem Maße bekomme ich das auch noch für die Zeit ab ca. 1250 und bis etwa 1900 mit.