Eines der umstrittesten Probleme bei meiner Magisterarbeit steckt direkt im Titel: „Gelehrte auf dem Wiener Kongress“. Leider gibt es keine eindeutige Definition von Gelehrten, was u.a. auch in der Geschichte, der mit diesem Begriff bezeichneten Personen, liegt. Um dem mal etwas näher zu kommen, habe ich mich in der Enzyklopädie der Neuzeit umgeschaut, ergänzt um mein eigenes Wissen aus mehreren Semestern Beschäftigung rund um dieses Thema herum:
Der Begriff „Gelehrter“ wurde vom Spätmittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts genutzt, wobei sich in dieser Zeit mehrere Bedeutungsverlagerungen vollzogen. Er bezeichnete den Ausüber wissenschaftlicher Tätigkeiten, zudem die erworbene Fähigkeit der Gelehrsamkeit und die soziale Zuordnung zum Stand der Gelehrten. Seine Aufgabe bestand darin, durch Nachdenken, d.h. geistige Arbeit Wahrheiten zu entdecken, die nicht augenscheinlich waren und zum Fortgang der Menschheit beitragen sollten.
Üblicherweise wurde mit Gelehrsamkeit Bücher- und Faktenwissen im Gegensatz zu Verständnis und „Intelligenz“ gemeint. Sie ist „Gedächtniswissen“ im Gegensatz zur Wissenschaft als „Verstandeswissen“.
Diese eher ungenaue Definitionen war zu der genannten Zeit ausreichend, da ohnehin nur ein sehr kleiner Anteil einer Gesellschaft die nötige Muße und (Aus-)Bildung erlangen konnte, um nachzudenken und sich wissenschaftlich zu betätigen. Diese Individuuen machten dies aber auf solch unterschiedliche Art und Weise, dass genauere Definitionen immer auch ausschließen müssten. Eine Unterteilung in verschiedene Disziplinen, wie sie heute bekannt sind, gab es nicht bzw. begann sich erst zu entwickeln. Üblich war der „Polyhistor“ – der Universalgelehrte -, der sich in verschiedenen Feldern wissenschaftlich betätigte. Besonders berühmte Beispiele dafür sind Leonardo da Vince, Galileo Galilei, Alexander von Humbolt, Johann Wolfgang von Goethe, Benjamin Franklin oder auch Gottfried Wilhelm Leibniz.
Je umfangreicher das Wissen wurde, und damit auch das Wissen über einzelne Wissensgebiete, umso mehr bildeten sich Spezialisierungen heraus. Das Wissen einer Disziplin war nun so umfangreich, dass es kaum noch jemanden gelang, in zwei oder gar mehr Disziplinen erfolgreich forschen zu können. Aktuelle Beispiele sind Carl Friedrich von Weizsäcker oder Noam Chomsky. Diese Entwicklung, die seit dem 19. Jahrhundert immer bestimmender wurde, lässt sich wahrscheinlich kaum aufhalten, geschweige denn umkehren – was auch nicht unbedingt notwendig sein muss. Zwar war es ein großer Vorteil der Polyhistoren, dass sie durch ihren Überblick über verschiedene Fachgebiete Verbindungen – durch Nachdenken und wissenschaftliche Tätigkeit – entdecken konnten, die sonst nicht möglich gewesen wären, doch obwohl dieses heute nicht mehr von einem Menschen nachvollzogen werden kann, gibt es technische Möglichkeiten, durch Kommunikation und Teamarbeit (Interdisziplinarität) ebenfalls solche Sprünge zu bewerkstelligen. Zumindest in der Theorie sollte das funktionieren, in der Praxis kommen häufig Kommunikationsprobleme zwischen den Disziplinen dazwischen.
Zurück zum Überblick:
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Gelehrte zunehmend vom Wissenschaftler unterschieden. Diese Unterscheidung war in der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen; der Gelehrte besaß nur noch die Kenntnisse, die man aus Belehrung erlangen konn, ateber vollbrachte keine eigene wissenschaftliche Tätigkeit mehr, er war jetzt eher gebildet. Der Wissenschaftler übernahm die forschende Rolle, die allerdings jetzt durch Spezialisierung eingeschränkt war und eher einem Berufsbild entsprach. Für ihn war es nicht mehr entscheidend, dass er auch Kenntnisse von anderen Fachgebieten besaß. Er musste nicht mehr umfassend „gebildet“ sein. Im übrigen ist „Bildung“ ein urdeutsches Wort, welches sich nicht ohne Bedeutungsverlust in andere Sprachen übersetzen lässt (soweit mir bekannt ist). In der Frühen Neuzeit wurde statt Bildung häufig Gelehrsamkeit genutzt, was zum einen die Gesamtheit alles Wissens umschloß als auch das gelehrte Wissen einer einzelnen Person. Dieser Begriff wird im 19. Jahrhundert durch Wissenschaft und Bildung ersetzt; der Gelehrte wird zum Forscher, Wissenschaftler oder Literaten.
Mein Untersuchungszeitraum Anfang des 19.Jahrhunderts liegt auf der Schwelle dieses Umbruchs vom Gelehrten zum Wissenschaftler. Diese Begriffsveränderung zeugt auch von einer Veränderung in der Sicht auf Wissenschaft, Wissen, gelehrte Kultur. Sowohl alte Formen der frühneuzeitlichen Gelehrsamkeit als auch neue Formen einer wissenschaftlichen Forschungstätigkeit lassen sich entdecken. Erfinder neuer Techniker mit Spezialwissen sind ebenso auf dem Kongress anwesend wie vielseitig belesene Polyhistoren.