Buchgeschichte war im Mittelalter, wie so vieles andere auch, vor allem durch die Kirche und das Christentum bestimmt. Ein Umbruch lässt sich im 12. Jahrhundert mit dem Aufstieg der Städte und Universitäten feststellen.

Zum besseren Überblick habe ich nochmal die Übergangszeit ergänzt:

Übergang – ~4. Jahrhundert

Einführung der Codices: eingeheftete Blätter zwischen Holz- oder Wachstafeln und tw. bereits Pergament;

im 4. Jahrhundert sowohl Übergang von Papyrus zur Pergament als auch von Rollenform zu Codex => Veränderungen in Text- und Bildgestaltung, Rezeption, Einband, praktischen Umgang mit Büchern

Untergang des weströmischen Reiches führt zu Zerfall der Institutionen, gleichzeitig Aufstieg der Kirche und des Christentums als dominant für das geistige Leben während des gesamten MAs

treibende Gruppen hinter dem Übergang zum Codex waren Juristen (umfangreiche Gesetzestexte) und Christen (Abgrenzung zur Thora?)

drei Traditionsstränge: Byzanz -> besonders griechische Literatur des Hellenismus und platonische Philosophie, arabisch- islamischer Raum -> besonders Wissenschaft und aristotelische Philosophie und lateinische Kirche -> besonders lateinische Texte der Spätantike

Handschriften – Mittelalter:

Material:

Pergament als Beschreibstoff dominant seit dem 4. Jahrhundert

in Kalklauge gebeizte und geschabte Tierhaut; teurer Beschreibstoff (für große Codices bis zu 500 Schafshäute) => Palimpseste (neu geschabte und beschriebene Pergamente, bei denen heute mit neuen Techniken der Originaltext wieder lesbar gemacht werden kann) => Jungfernpergament von neu- oder ungeborenen Tieren, besonders glatt und fein

Papier: seit dem 13. Jahrhundert im christlichen Europa benutzt; 751 durch chinesische Kriegsgefangene (China kannte es seit dem 2. Jahrhundert) in der arabischen Welt eingeführt -> erste Papiermühle Europas ab 1144 in Valencia, erste deutsche 1389 vor Nürnberg

seit ca. 1300 benutzten Papiermühlen eigene Wasserzeichen -> europaweit gab es bis heute wohl 1 Mio. unterschiedliche Wasserzeichen; erst im 17. Jahrhundert jedoch endgültige Verdrängung des Pergaments als Beschreibstoff

Papier ist das Ergebnis eines Verfilzungsprozess von quellfähigen Pflanzenstoffen, die zu einem Brei zusammengekocht werden. Dieser Brei wird aus einem Holzbottich – Bütte – mit einem Sieb geschöpft, auf welchen der Verfilzungsprozess stattfindet, indem das Wasser abfließt und die Stoffasern sich umeinander anlagern. Bei der Papierherstellung sind viele Möglichkeiten für Qualitätsveränderungen oder besondere Merkmale gegeben, daher mindestens ebensoviele Rezepte

Rohrfeder oder Federkiel mit selbst hergestellter Ruß- oder Metalltinte

für Notizen und Korrespondenz: Griffel und Wachstafeln

Farben wurden aus Mineralien/Metallen, Pflanzen und Tieren gewonnen

Vervielfältigung und Verbreitung:

seit der Entstehung und Verbreitung von Klöstern im 6. Jahrhundert sind Skriptorien in diesen bezeugt (in Ordensregeln sind Bibliotheken und Kopieren von Handschriften tw. verordnet und sogar als Gottesdienst anerkannt) ->

von besonderer Bedeutung war Cassiodor (490-583), der darum bemüht war, das antike Erbe zu erhalten und mit dem Christentum in Einklang zu bringen; zudem entwickelte er das Modell für die mittelalterliche Klosterbibliothek und verfasste die Institutiones divinarum ac saecularium litterarum, die als Grundlage für die Organisation von Bibliotheken Bedeutung erlangten und auch als Übersicht über die mittelalterliche Bildung diente

-> Klöster schrieben Bücher nicht nur ab, sondern stellten sie auch komplett her (vom Pergament über Buchkunst bis zum Einband) und waren zudem generell ein Ort der Bildung und der Handwerkskunst

Klöster-Skriptorien lebten stark von dem Kontakt mit anderen Klöstern, Austausch von Handschriften und reisenden Mönche arbeiteten auch mal in anderen Ländern (=> Einfluss angelsächsischer Buchkunst auf den Kontinent)

seit dem 12. Jahrhundert weltliche Schreibstuben, auch durch Aufschwung der Universitäten (1119 Bologna, 1348 Prag) und der Städte mit einer guten wirtschaftlichen Struktur (Handwerkerbedarf) => gesteigter Buchbedarf => Veränderung in der Gestaltung (rationeller, Paginierung um Zitation möglich zu machen, erste Register)

ca. ab 1250 Auftreten von Laienschreibern (auch Frauen) in Deutschland

im romanischen Raum führte die gesteigerte Buchnachfrage der Studenten zum Aufschwung des Buchhandels (Paris)

=> häufiger Gebrauch führt zur Einführung von handlicheren Buchformaten und Anpassung auf die Vielnutzung

in Byzanz Einbruch der antiken Tradition mit Leo III., der die Hochschule schloss und die Bilderverehrung verbot (726), erst hundert Jahre später Wiedereröffnung und Versuch der Wiederbelebung der antiken Traditionen, wobei die lateinische Tradition verloren war

im islamischen Raum gab es von ca. 800 – 1300 eine Blütezeit der Kunst und Wissenschaft mit dem Zentrum Bagdad

Buchmalerei:

Verständnis des Buches als Gesamtkunstwerk

Buchkunst bestand aus mehreren Schritten, für die es bereits Spezialisten gab: die Schreiber (scriba), die Buchmaler (miniatores) und die Rubrikatoren, die Kapitel und Abschnitte rot kenntlich machten

zunächst beeinflusst von der antiken Wandmalerei; erst ab dem 7. Jahrhundert Konzentration auf Ornamentik und besondere Betonung der Initialen mit dem Ziel der Einheit von Schrift und Bild

Unterscheidung zwischen Lehrbildern (z.B. in pharmakologischen Büchern Abbildungen der Pflanzen) und Schmuckbildern

Buchmalerei = Miniaturmalerei (Begriff bedeutet Bleirot), die eigene Formen entwickelt hat und kaum noch mit Wandmalerei zu vergleichen ist

im angelsächsischen Raum werden Einflüsse aus der keltischen Kunst aufgegriffen, und auch auf dem Kontinent werden seit der Karolingerzeit diese Einflüsse spürbar und vermischen sich mit antiken Traditionen zu dem karolingischen Stil, ausgehend von der Aachener Hofschule unter dem Angelsachsen Alcuin => karolingische Renaissance, die sich an lateinischer Sprache und Texten orientiert (9. Jahrhundert)

im 10. Jahrhundert Verfall und Pluralisierung der Stile, die in ottonischer Zeit wieder zusammengeführt werden -> Verluste bleiben nicht aus

Buchkunst erlebt Höhepunkt unter sächsischen König Otto I. und auch die äußere Gestaltung wird prächtiger (Gold, Silber, Elfenbein und Edelsteine verzieren die Einbände); byzantinische Einflüsse werden spürbar (Ehe Ottos II. mit Theophanu, Nichte des byz. Kaisers)

-> einzelne Schulen entstehen und prägen eigene Stile aus

seit etwa dem 12. Jahrhundert wird die Bibel zum häufigen Objekt der Buchkunst und zahlreiche Prachtbibeln entstehen, zugleich wird auch erstmals nicht-sakrale Literatur illuminiert

einige Orden (Zisterzienser, Bettelorden) lehnen Buchmalerei ab und ziehen sich aus der Buchproduktion zurück

im 13. Jahrhundert Emanzipation des Laien => Entstehung von Stundenbüchern für die private Andacht

Buchkunst verlagert sich an den französischen Hof und nach Burgund; Illuminatoren werden bekannt

generell unterliegt die Buchkunst im MA zahlreichen Stiländerungen, die auch Entwicklungen in anderen Künsten widerspiegeln, große Höfe und wichtige Handelsstädte (Köln) spielen bei der Entwicklung und Übertragung neuer Stile eine bedeutende Rolle

wichtiger Mäzen: Jean de Berry aus dem Haus Valois (1340-1416), der Stundenbücher und weitere besonders prunkvoll ausgestattete Handschriften sammelte (300 bei seinem Tod)

generell Problem der göttlichen Bilddarstellung (byzantinischer Bilderstreit, später Reformation), was auch zur Betonung des Symbols führte

Schrift:

zunächst lateinische Capitalis (+ Unterformen), später Entwicklung zu Regional-Schriften, die erst durch die Schriftreform (Schreibschulen) unter Karl dem Großen durch die karolingische Minuskel, auf Basis der Halbunziale, abgelöst werden

karolingische Minuskel ist Buchschrift bis ins 11. Jahrhundert, die von der (nordfrz.) gotischen Textura abgelöst wird

Abbreviaturen (Abkürzungen) und Ligaturen (Zusammenziehungen) erschweren das Verständnis

-> Literaturhinweis. Cappelli, Adriano: Lexicon abbreviaturum. Wörterbuch lateinischer und italienischer Abkürzungen. Leipzig 1928

ab dem 7. Jahrhundert erstmals Aufgabe der scriptio continua durch irische Mönche, erreicht ab dem 10. Jahrhundert auch Verbreitung auf dem Kontinent und kann ab dem 12. Jahrhundert als durchgesetzt gelten => Veränderung des Schriftbildes mit Initialen, Abkürzungen durch Zeichen, Rubrikationen, Paragraphen, Interpunktion

ab dem 10. Jahrhundert langsame Verbreitung des arabischen Zahlsystems, welches das römische ablöst -> endgültige Einbürgerung erst im 15. Jahrhundert (wichtige Werke zur Rechenkunst z.B. von Adam Riese im 16. Jahrhundert)

seit dem 11./12. Jahrhundert Beschleunigung und Verbreiterung der Schriftlichkeit/Verschriftlichung

Einbände:

entsteht mit dem Codex seit dem 2. Jahrhundert, älteste erhaltene Ledereinbände stammen aus dem 6. Jahrhundert

Unterscheidung zwischen Prachteinbänden und Gebrauchseinbänden, die parallel nebeneinander bestehen

Einbände zunächst aus Elfenbeintafeln (Pracht) oder Holztafeln (Gebrauch), die mit Schnüren zusammengehalten werden und mehr als Sammelmappe dienen; weitere wichtige Materialien für Prachteinbände waren Gold und Silber, tw. auch mit Elfenbein zusammen

steigende Buchproduktion führt zur Abnahme der Prachtbände und neuen Entwicklungen bei Gebrauchseinbänden -> seit ca. 1250 gotischer Ledereinband über Holzdeckeln

besondere Formen: Kettenbücher aus Bibliotheken, Beutelbücher von Pilgern und anderen Reisenden

Bücher wurden zunächst liegend aufbewahrt => Buchtitel auf dem Schnitt; erst ab dem 16. Jahrhundert werden Bücher stehend aufbewahrt und die Beschriftung des Rückens beginnt

Buchschließen dienten zum Zusammenhalt der -teils sehr dicken- Bücher und dem Schutz vor Staub

Rezeption:

vor Leseunkundigen öffentliches Vorlesen

leises Lesen zuerst im MA beim individuellen Lesen von Prosa ab ca. 10. Jahrhundert, ab 9. Jahrhundert für Skriptoren => verändert notwendige Textgestaltung: Gliederungen, Satzzeichen u.ä. entstehen

monastisches Lesen (8.-12. Jh.) vs. scholastisches Lesen (12.-14. Jh.)

Lesepulte als Unterlage von schweren Büchern oder Kettenbüchern üblich -> geneigte Haltung des Pultes ergonomischer

Unterscheidung in Schaftpulte/pulpitum; Kastenpulte und Klapp-Pulte

im Spätmittelalter werden auch bewegliche und höhenverstellbare Lesepulte entwickelt, zudem Doppelpulte für zwei Leser und tragbare Pulte für Reisende

Transport von Bücher: im MA vor allem einzelne Bücher: Beutelbücher (~1350-1550, nur 25 sind heute überliefert – wahrscheinlich zum Aufstellen oft beschnitten), Buchfutteral, Buchkasten oder Reisebibliothek

Hilfsmittel: Lesesteine ab Mitte des 13. Jahrhunderts; Erfindung der Brille Ende des 13. Jahrhunderts in Norditalien zunächst nur für Weitsichtigkeit (ab 15. Jahrhundert auch für Kurzsichtigkeit), Form: Einzelglas oder verbundene Gläser, die mit der Hand gehalten werden müssen

Bibliotheken:

Cassiodor (6. Jahrhundert) richtet Bibliothek in seinem Kloster ein und ordnet in seinen „Institutiones“ das Wissen seiner Zeit; ansonsten ist der Umfang in mittelalterlichen Bibliotheken bescheiden und spielt nur eine geringe Rolle

ab dem 12. Jahrhundert auch Universitätsbibliotheken, die die Klosterbibliotheken ergänzen. Die Bücher waren einzeln auf Pulte verteilt (Kettenbücher), diese standen nach Sachgebieten zusammen.

weitere wichtige Bibliotheken, die auch griechische Werke hatten, waren im islamischen Raum entstanden (Bagdad, Cordoba, Kairo)

Inhalt:

christliche Bücher, besonders in der Messe gebräuchliche, später auch Gesamt-Bibeln bestimmen die Mehrheit der Handschriften

Fachliteratur (besonders ab dem 12. Jahrhundert) wirkungsmächtiger als Prosa und auch verbreiteter

Volkssprachliche Handschriften bleiben in der Minderheit, existieren aber (bedeutend: Otfrid von Weißenburg) und arbeiten eine deutsche Orthographie, Grammatik und Stilistik langsam heraus

1170-1250 erster Höhepunkt deutschsprachiger Literatur (Ritterepos und Minnelyrik)

Autoren diktieren üblicherweise ihre Bücher; erster selbst schreibender soll Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) gewesen sein

keine Titelblätter, sondern meist Titelinformationen am Ende (subscriptio – angelehnt an das antike Kolophon)

durch die Verbreitung der Bibel ebenfalls Verbreitung der Schrift und des Latein

Übersetzungen der Bibel in die Landessprachen (seit dem 8. Jh.) gehen ebenfalls von den Klöstern aus und erfolgen mit dem landessprachlichen Text neben dem lateinischen; diese Übersetzungen erreichten jedoch noch keine allgemeine Verbindlichkeit (erst Luther)

Überlieferung:

ca. 55 000 griechische Handschriften, 100 000 orientalische, 500 000 -1 Mio. lateinische Handschriften sind tradiert